Dorfbesichtigung unter kundiger Leitung von Cicerone
Am
besten verschaffen wir uns erst einen Überblick, indem wir uns auf den
Klosterplatz in die Nähe des Marienbrunnens begeben. Das Dorf liegt uns
nun sozusagen zu Füssen.
Beginnen wir mit dem auffälligsten Haus am Platze, dem Pfauen, das Ihnen bestimmt nicht entgangen ist; die rosa Fassade mit den neoklassizistischen Schnörkeln ist ja auch nicht zu übersehen! Der alte Pfauen war das traditionsreichste Hotel Einsiedelns, in dem - wie könnte es anders sein - auch Goethe abstieg.
Das Haus rechts davon mit dem markanten Giebeldach und der renovationsbedürftigen Fassade heisst Adler. Es ist eines der ältesten Häuser Einsiedelns und gibt Ihnen einen Eindruck, wie Einsiedeln früher ausgesehen hat.
Hinter dem Haus Adler sehen Sie ein weisses Doppelhaus. Das vordere Haus heisst Adam und Eva und ist das Geburtshaus des Dichters Meinrad Lienert. Zum hinteren Haus mit dem Namen Paradies besteht sinnigerweise kein Durchgang.
Links davon, auf der anderen Strassenseite, sehen Sie ein neues Haus, das dem Kloster seinen Hintereingang zeigt: Ein bemerkenswertes Beispiel architektonischer Rücksichtslosigkeit und behördlicher Ignoranz.
Ebenfalls in Rosa, jedoch um einige Schattierungen dezenter, ist das Haus Benziger links vom Pfauen. Ursprünglich das Stammhaus des bekannten Verlages Benziger & Co. beherbergt es heute noch die Buchhandlung gleichen Namens, die besonders auf religiöse Literatur spezialisiert ist. Eigentlich handelt es sich um ein Doppelhaus; wenn Sie wissen wollen wie das zweite heisst, dann schauen Sie sich einmal das prächtige Hausschild an der unteren Hausecke an.
Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Hauptstrasse, liegt das repräsentative Rathaus.
Am Giebel sehen Sie nicht nur das Baujahr, sondern auch die Wappen der
sechs Viertel (=Dörfer) des Bezirkes Einsiedeln. Das Wappen in der Mitte
mit den beiden Raben auf rotem Grund ist das Einsiedler Wappen.
Ein weiteres auffälliges Gebäude ist das Haus Ilge links neben dem Hotel Sonne. Ursprünglich ein schlichtes Haus mit Giebeldach wurde es Ende des letzten Jahrhunderts von den damaligen Besitzern, dem Verlag Eberle, Kälin & Co. zum eigenen Ruhme und zum Ärger des alten Konkurrenten Benziger & Co. zum pompösen Repräsentationsbau umgestaltet. Heute verleiht das Gebäude dem Selbstverständnis einer schweizerischen Grossbank den angemessenen Ausdruck.
Die links davon anschliessenden Häuser sind Hotels, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich Heilige nicht nur als Schutzpatron, sondern auch als werbeträchtige Namensgeber ausgewählt haben. Auch der Katharinahof gehört dazu, hiess er doch ursprünglich St. Katharina.
Ganz links oben im Walde sehen Sie ein grosses Kreuz. Dabei handelt es sich um die zum Kreuzweg gehörende Kreuzigungsgruppe.
Vom Klosterplatz wollen wir uns nun die Hauptstrasse hinunter begeben. Gleich im ersten Gebäude rechts finden Sie das Verkehrsbüro, wo Sie alles über Konzerte und Veranstaltungen sowie die Wander- und Skigebiete Ybrig und Mythen erfahren.
Wieder in der Hauptstrasse
fällt Ihnen sicher die kompakte, urbane Bauweise mit viergeschossigen
Bauten auf, die wohl einmalig für einen so kleinen Ort wie Einsiedeln
ist. Fast alle Häuser waren ursprünglich Gasthäuser und ihre Namen
haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Auch wenn die Häuser
heute nicht mehr alle angeschrieben sind, ein Blick zum oft prunkvollen,
über die Strasse hängenden Hausschild, verrät einem den Namen.
In Bezug auf Fassaden finden Sie alles: von neoklassizistisch über schlicht bis zu Schindeln; letztere in den Varianten verwittert, aber echt, sowie Billigstimitation aus Blech. Das Angebot der Läden zeigt, dass dies auch die Einkaufsstrasse von Einsiedeln ist.
In der Engel-Apotheke, im oberen Teil der Hauptstrasse, erhalten Sie das altbewährte Hausmittel "Einsiedler Balsam". Dieser eignet sich zur Linderung kleinerer Alltagsleiden wie Unwohlsein, Kopfschmerzen etc., für die göttliche Hilfe in Anspruch zu nehmen vermessen wäre.
Auch wenn Sie keine "Schafböcke" mögen, sollten Sie trotzdem in der nächsten Querstrasse rechts dem Nostalgieladen der Lebkuchenbäckerei Goldapfel einen Besuch abstatten. In der originalen Backstube im hinteren Teil ist ausserdem ein kleines Lebkuchenmuseum eingerichtet.
Nun bleibt Ihnen eigentlich nur noch, die übrigen Sehenswürdigkeiten, insbesondere das Diorama Bethlehem und das Panorama Kreuzigung Christi, zu besichtigen. Beide liegen etwa 5 Gehminuten vom Klosterplatz entfernt und sind dank den braun-weissen Touristikwegweisern einfach zu finden.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch einen kleinen Spaziergang zu einem der nahegelegenen Aussichtspunkte empfehlen. Ein solcher Fussmarsch ist nicht nur gesund, er zeigt Ihnen auch, warum es an schönen Wochenenden so viele Leute aus der Agglomeration Zürich nach Einsiedeln zieht. Sollte jedoch das Wetter nicht mitspielen, dann empfehle ich Ihnen stattdessen einen Besuch der Einsiedler Museen.
Damit sind wir am Ende unserer kleinen Führung angelangt. Für weitere Auskünfte über Einsiedeln wenden Sie sich an meine Kollegin Heidi.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und wer weiss, vielleicht treffen wir uns demnächst in einer jener "Beizen" abseits der Hauptstrasse, wo die Einheimischen verkehren: bei der Käthi oder der Lise oder ... ich hoffe, Sie verzeihen es mir, wenn ich hier nicht alle Wirtinnen und Wirte der über 60 Restaurants, Bars, Cafés und Dancings in Einsiedeln namentlich aufführe.