Cicerones Kirchenführung
Betrachten
wir zunächst die Kirchenanlage von aussen: Der Brunnen mit der Statue
und den 14 Röhren in der Mitte des Klosterplatzes ist der Marienbrunnen.
Links und rechts der Kirchentreppe sehen Sie die halbkreisförmigen Arkaden mit den Devotionalien- und Souvenirständen, in denen Kunst und Kitsch sowohl religiöser wie touristischer Art in harmonischer Eintracht auf Käufer warten. Die beiden Steinstatuen stellen die kaiserlichen Gönner des Klosters dar, rechts Otto I und links Heinrich II. Dahinter erhebt sich die riesige Klosterfront mit den beiden 60 m hohen Türmen. Falls Sie schon einmal in Rom waren, dann ist Ihnen die Ähnlichkeit mit dem Petersplatz sicher aufgefallen. Das kommt nicht von ungefähr, denn der Baumeister hat sich diesen zum Vorbild genommen.
Machen wir uns nun auf zum Hauptportal, obwohl es nur bei besonderen Feierlichkeiten geöffnet ist. Weshalb ich es Ihnen zeigen will, werden Sie beim Näherkommen merken - eine raffinierte Täuschung, nicht wahr?
Wir
betreten nun die Kirche durch eines der Seitenportale. Gleich vorweg:
Hier ist tatsächlich alles Gold was glänzt! Doch gehen wir der Reihe
nach, und beginnen wir unsere Führung vorne beim Chor der Kirche. Auch
dem Laien fällt auf, dass der Chor farbiger und auch
verspielter ist als das Kirchenschiff, was auf den Einfluss des
beginnenden Rokoko zurückzuführen ist. Sind es im Kirchenschiff noch
vorwiegend Putten (kleine Engelchen), so sind es hier ausgewachsene
Engel, die sich waghalsig auf Brüstungen und Simsen tummeln. Im hinteren
Teil des Chores erhebt sich der Hochaltar mit dem Bild der Himmelfahrt Marias.
Wenn Sie nun ein paar Schritte zurückgehen und den Blick nach oben wenden, sehen Sie im Jochbogen die beiden schwarzen Raben des Heiligen Meinrad, die nach der Legende seine beiden Mörder bis nach Zürich verfolgt und damit verraten haben.
Direkt über Ihnen wölbt sich die Weihnachtskuppel
mit der Darstellung der Geburt Christi. Unter die herbeieilenden Hirten
hat der Maler auch einen besonders stämmigen Einheimischen geschmuggelt
- zwar nicht mit Armbrust, dafür aber mit Fuhrmannsgeissel und Alphorn.
Bevor Sie sich die Kanzel anschauen, werfen Sie nochmals einen Blick auf das Chorgitter, und Sie werden den selben perspektivischen Effekt erkennen wie beim Hauptportal.
Die zweite Kuppel stellt das Letzte Abendmahl dar. Diese Szene führt uns natürlich zur unvermeidlichen Frage: Welcher von den Jüngern ist Judas?
Nachdem
wir Judas nun gefunden haben, widmen wir uns dem hintersten Teil der
Kirche. Im Zentrum dieses Achtecks steht die Gnadenkapelle, ein
neoklassizistischer Bau, der zu Beginn des 19. Jh. an Stelle der von den
Franzosen zerstörten alten Gnadenkapelle erbaut wurde. Diese Kirche in der Kirche beherbergt das Standbild der "Schwarzen Madonna" und ist das hauptsächliche Ziel der Wallfahrer.
"Warum ist die Madonna schwarz?" werden Sie jetzt fragen. Nun, die Antwort ist einfach: Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hat der Rauch der Kerzen und Lampen das Gesicht der Madonna immer dunkler werden lassen. Und um diesen Effekt noch zu verstärken, haben die Mönche früherer Jahrhunderte - wohl wissend um die Anziehungskraft des Ungewöhnlichen - mit schwarzer Farbe etwas nachgeholfen.
Für
die 1997 abgeschlossene Kirchenrenovation - übrigens bereits die dritte
- brauchte es nun allerdings etwas mehr als schwarze Farbe; begonnen
wurde sie 1976 und gekostet hat sie fast 30 Mio. Fr.
Beim Verlassen der Kirche sind Ihnen vielleicht die an der Wand aufgehängten Votivtafeln aufgefallen. Damit bezeugen dankbare Gläubige die durch die Fürsprache der Mutter Gottes erhaltene Hilfe. Dass göttliche Hilfe auch die Form tieferer Einsicht annehmen kann, belegt die Votivtafel mit dem Text: Liebe Mutter Gottes, ich danke Dir, dass Du mich nicht erhört hast!
Damit sind wir am Ende unserer kleinen Führung angelangt. "Ja aber wer", werden Sie jetzt fragen, "wer hat diese Kirche gebaut, wer hat all diese Fresken und Bilder gemalt, diese Stuckaturen und Figuren geformt und wann?" Zu meiner Beschämung muss ich gestehen, dass ich die Namen wieder vergessen habe, und Jahreszahlen konnte ich mir sowieso noch nie merken! Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass es die berühmtesten Baumeister und Künstler ihrer Zeit waren!
Falls Sie sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben wollen, dann bleibt Ihnen wohl nichts anderes übrig, als sich in die reale Welt zurückzubegeben und nach Einsiedeln zu fahren und sich einer Klosterführung vor Ort anzuschliessen. Meine Kollegen von Einsiedeln Tourismus werden Ihnen die Namen aller Bauherren, Künstler und Gönner - sowie deren Verwandte bis zum fünften Grad in auf- und absteigender Linie - nennen. Auch die genauen Daten werde Sie erfahren - allerdings nur auf die Halbe-Stunde genau: das Zeitbewusstsein der Leute und die Präzision der Uhren liess damals noch zu wünschen übrig.
Haben Sie sich auch schon gefragt, wie es in einem Kloster aussieht? Dann werfen Sie doch zusammen mit mir einen Blick hinter die Klostermauern.